Praktikumsbericht von Marie-Therese Reichenbach (2007)

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Oktober – Dezember 2007

Praktikum im Altenheim „Carl-Blum-Haus“ in Задорожье(Sadoroshje), Kaliningrader Gebiet - Russland

- Praktikumsbericht -

 

 


zum Praktikum an sich

Das Altenheim „Carl-Blum-Haus“ ist eine Einrichtung der ev.-luth. Propstei Kaliningrad und befindet sich im Südosten des Kaliningrader Gebietes. Im Dezember 2006 zog die erste Bewohnerin ein, inzwischen wohnen dort 20 Bewohner, von denen die gute Hälfte auf mehr oder weniger intensive Pflege angewiesen ist.

Ich bewohnte ein eigenes Zimmer im Haus.

Von den Bewohnern als auch von den Mitarbeitern wurde ich sehr offen und freundlich aufgenommen, so dass ich mich schnell in ihrer Mitte wohl fühlte. Hilfreich dabei war auch, dass ich nicht die erste Ausländerin war, sondern ein deutscher Zivildienstleistender sozusagen meinen Weg dort hinein geebnet hatte. Die Schwierigkeit, die mit aller Freundlichkeit verbunden war, bestand darin, dass mir im Alltag nie gesagt wurde, was ich tun soll, was von mir erwartet wird. So suchte ich mir alle Aufgaben selber und half letztendlich überall mit – Haushalt, Beschäftigung, Pflege, ….

 

Zwei Tage pro Woche hatte ich frei, an denen ich wegfahren musste, wollte ich wirklich frei haben. An diesen Tagen fuhr ich durch das Land oder besuchte eine deutsche Praktikantin in Kaliningrad, die im dortigen Kinderrehabilitationszentrum der ev.-luth. Propstei ihr Praxissemester machte. Wir verstanden uns zum Glück recht gut, so dass dieser Kontakt mir sehr half, mit meinen Schwierigkeiten zurecht zu kommen.

Manchmal nahm mich die Direktorin des Heimes, Frau Petrenko, die zugleich Pfarrerin in Гусев (Gussew, ehem. Gumbinnen) ist, zu einigen Veranstaltungen mit. Einmal durfte ich auch selber eine Bibelstunde halten. So bekam ich einen Einblick in das kirchliche Leben der Propstei Kaliningrad, was mich sehr beeindruckt hat. Nach meiner Erfahrung würde es einigen kirchlichen Mitarbeitern aus Deutschland sehr gut tun, einmal ähnliches zu tun… Je mehr ich jedoch vom Leben der Gemeinden mitbekam, umso mehr stellte sich für mich wieder (ähnliches kenne ich bereits aus der ev.-luth. Kirche in Litauen) die Frage nach der Zukunft der ev.-luth. Kirche, die nach wie vor am Tropf von Deutschland hängt. Von Partnerschaft, von der so oft gesprochen wird, kann in den meisten Fällen, zumindest meinem Verständnis nach, keine Rede sein (bezeichnenderweise sprechen wohl viele russische Gemeindeglieder bezüglich der Deutschen von „Sponsoren“ anstelle von „Partnern“… das sollte uns doch zu denken geben!).

 


zum besseren Verständnis: einiges zum Kaliningrader Gebiet

 

Das Dorf Задорожье [Sadoroshje, ehem. Malenuppen] befindet sich im Südosten des Kaliningrader Gebietes, 4 km nördlich der Kreisstadt Озёрск [Asjorsk, ehem. Darkehmen]. Meine Versuche, noch von Deutschland aus etwas über das Dorf zu erfahren, waren wenig ertragreich geblieben – als ich dann dort war, verstand ich auch, warum: es gibt dort einfach zu gut wie nichts… Dorfzentrum ist das Altenheim, drum herum gibt es ca. 5 Nachbarhäuser, einen winzigkleinen Laden (in dem man vor allem Süßigkeiten, Sonnenblumenkerne, getrocknete Fische und Bier bekommt) und eine relative gut befahrene Straße mit Bushaltestelle. Ansonsten ist es umgeben von Feldern und wunderschöner Natur. Den nächsten Internetzugang (im Altenheim gibt es zwar Internet, aber keinen Computer…) findet man in Гусев (Gussew, ehem. Gumbinnen) oder Черняховск (Tschernjachovsk, ehem. Insterburg), jeweils 25 km entfernt.

Das gesamte Gebiet ist Teil des ehemaligen nördlichen Ostpreussens und für mich aufgrund von v.a. 3 Aspekten äußerst interessant:

 

1) der Umgang mit der deutschen Vergangenheit.

Zu Sowjetzeiten bemühte man sich, die Vergangenheit zu beseitigen. Nichts sollte mehr daran erinnern, die Geschichte des Gebietes sollte 1945 beginnen. Vor allem die Stadt Königsberg sollte komplett zerstört werden (was im Krieg nur zu einem Teil von den Alliierten gelungen war), da sie als Symbol des preußischen Militarismus galt. Dass dies nicht komplett gelang, dass sich immer wieder Spuren der Vergangenheit finden, war für mich höchst spannend. Besonders der Kontrast zwischen alter und neuer Architektur, zwischen roten Backsteinbauten und grauen sozialistischen Einheitsblocks faszinierte mich. Inzwischen entdeckt auch die jüngere Generation, vor allem nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, dass es eine Geschichte vor 1945 gibt. So ist man heute besonders in Kaliningrad bemüht, die letzten Überreste des alten Königsbergs zu bewahren.

 

2) die Bevölkerung des Kaliningrader Gebietes

Nicht nur architektonische Spuren der deutschen Vergangenheit sollten beseitigt werde, sondern auch die Menschen, die den Krieg vor Ort überlebt hatten oder kurz nach dem Krieg wieder in ihre Heimat zurückgekommen waren, mussten das Gebiet verlassen. So gibt es heutzutage nur ganz wenige Deutsche, die dort geblieben sind. Alle anderen Bewohner wurden nach 1945 aus allen Regionen der Sowjetunion in dem entvölkerten Gebiet angesiedelt, sehr viele von ihnen aus Kirgisien, Kasachstan und anderen zentralasiatischen Ländern. Dass die wenigsten von ihnen freiwillig kamen, sondern meistens Zwangsumsiedlungen stattfanden, sollte klar sein. Ein wenig davon zu erfahren, wie es einigen bei Ankunft im Gebiet erging, was sie dort vorfanden, war für mich interessant und bewegend. Als weitere spannende Frage ergibt sich in diesem Zusammenhang, nämlich die Frage nach der Identität vor allem der nächsten Generation. Anders als bei anderen Auswanderungsbewegungen, bei denen die Ausgewanderten auf eine zwar fremde, aber ausgeprägte kulturelle Identität treffen und es somit wohl entweder zur Assimilation oder zur intensiven Ausbildung der eigenen Kultur und Identität in Abgrenzung zur anderen kommt, muss in diesem Fall eine neue geformt werden bzw. sich formen. Und das einzige, was alle, neben der Tatsache, dass sie zugewandert sind, verbindet, ist die Geschichte des Gebietes. Die Geschichte, die 60 Jahre lang nicht nur verneint, sondern verschwiegen wurde. Die Geschichte, die nicht ihre Geschichte ist…

 

3) die aktuelle Situation des Gebietes und seine Perspektive

Spätestens seit dem 1.4.2004 ist das Kaliningrader Gebiet ausgegrenzt – sowohl von Europa als auch vom Mutterland Russland. Für die Bewohner ist es schwer, für die meisten sogar unmöglich, ins Ausland und nach Russland zu fahren. Immer wieder neue Grenz- und Visumsbestimmungen, die das Reisen angeblich erleichtern sollen, erschweren de facto den Grenzverkehr in vielen Fällen. So haben es auch Hilfstransporte immer schwerer, hineinzukommen und so ist zu befürchten, dass sie weniger werden, weil viele einen solchen Aufwand nicht betreiben wollen und von der Willkür an den Grenzen frustriert sind. Dennoch ist die Situation der Menschen so, dass sie auf Hilfe angewiesen sind. Inwieweit Hilfstransporte aus dem westlichen Ausland die richtige Hilfe ist, sei dahingestellt. So bleibt die Frage nach der Zukunft des Kaliningrader Gebietes: wird Russland es als „Tor zum Westen“ nutzen oder wird es wieder abgeschlossen und seine Menschen vergessen werden, wonach es momentan aussieht?

 


zum Schluss

 

Meine Ziele habe ich im Rahmen meines Praktikums erreicht: zum einen habe ich einen weiteren Teil des ehemaligen Ostpreußens kennen gelernt (den litauischen Teil hatte ich bereits vorher ein wenig kennen gelernt) und damit mein Bild von der Region Baltikum/Ostpreußen, das sich nicht an heutige Ländergrenzen binden lässt, um ein weiteres Puzzleteilchen vervollständigt. Zum anderen habe ich meine Russisch-Kenntnisse verbessert – außer der Direktorin und der Oberschwester sprach im Heim keiner ein Wort deutsch, so war ich gezwungen, zumindest ein wenig russisch zu lernen. Zum Dritten habe ich Erfahrungen im Bereich der Altenarbeit gesammelt. Zum ersten Mal arbeitete ich mit alten Menschen zusammen, was für mich eine Herausforderung war und dennoch auch Spaß machte. Darüber hinaus habe ich viel für mich persönlich gelernt: ich habe Fortschritte hinsichtlich eigener Schwächen gemacht, mir ist wieder ein Stück klarer geworden, was mir wichtig ist, ich habe Abstand gewonnen zu mir selber, zu meinem Studium und zu Greifswald, was nötig war und ich habe als wichtige Erfahrung die Erfahrung von Einsamkeit gemacht, was nicht immer leicht, aber auf alle Fälle wichtig und gut für mich war.

 

So waren diese 3 Monate eher für meine persönliche Entwicklung wichtig als in beruflicher Perspektive, wobei ich auch dafür die Bedeutung nicht unterschätzen möchte. Dass dieses Praktikum, und damit auch die Suche nach meinem persönlichen Weg, von Villigst gefördert wurde, war für mich in jeglicher Hinsicht eine große Unterstützung, die für mich nicht selbstverständlich ist und für die ich sehr dankbar bin.